Dicke Hamstertaschen !?
Nach dem Ende des 2. Weltkriegs am 8. Mai 1945 bezeichnete man die Jahre 1946/1947 auch als Hungerjahre. Die Tische waren mäßig bis sehr mäßig gedeckt. Viele Mütter und Väter wussten kaum ihren Kindern und auch sich selbst etwas nahrhaftes zwischen die Zähne zu bekommen. Was ist da zu tun?
Ein Zauberwort machte von sich reden. „Hamstern“. Dabei denkt man vielleicht an die emsigen Nagetiere mit dicken Backentaschen bei ihrer Erntetour.
Doch zum Alltag: Unerlässlich zum „Hamstern“ waren nützliche Tauschwaren, z.B. Reisigbesen, Bindedraht, Nägel, Wetzsteine zum schärfen von Sensen und viele andere zu handwerklicher Tätigkeit brauchbare Artikel. Als besonders beliebte Tauschware galt selbst angebauter Tabak um im Gegenzug vor allem Mehl, Getreide oder andere zum Leben benötigte Waren zu erhalten.
Als beispielhafte Erinnerung an die Hamsterzeit denke ich an folgendes Erlebnis: Unsere Nachbarin Frieda Eckhardt und Sohn Werner (13 Jahre), meine Mutter mit mir in Begleitung und zwei andere Mütter begaben sich mit entsprechenden Tauschwaren im Gepäck, mit dem Personenzug in Richtung Frankfurt bis Gießen. Vom dortigen Bahnhof folgte eine Busfahrt in umliegende Dörfer mit landwirtschaftlichen Betrieben. Wir trennten uns dann zu kleinen Gruppen um so einzelne Bauernhöfe abzuklopfen, um möglichst per Tausch an die anfangs genannten Lebensmittel zu kommen.
Abends ging es zurück nach Gießen. Aber von wegen mit „Dicken Hamstertaschen“. Der Erfolg war ziemlich mager ausgefallen. Wie nun weiter? Der „Mütterrat“ beschloss: Wir müssen übernachten. Aber wo? Nun waren Werner und ich gefragt. Auf dem Bahnhofs- gelände mit vielen Gleisen und ramponierten, zerschossenen Güterwaggons, zwar noch mit Dach aber ohne Seitentüren, erkoren wir einen von diesen für uns als Nachtquartier. Werner fand auf dem Gelände eine Kiste mit Holzwolle o.ä. mit der wir ein Schlaflager in einer Waggonecke für die komplette Reisegruppe einrichten konnten.
Am nächsten Tag ein erneuter Versuch zum Erfolg zu kommen in anderer Richtung. Das Vorgehen wie tags zuvor. Dabei will ich nicht versäumen, ein für mich persönlich bleibendes Erlebnis zu erwähnen: Ungeduldig wartete ich schon lange vor dem Hofeingang. Endlich kam meine Mutter aus dem Wohnhaus und rief: Erhard, komm schnell herein. Es gab Mittagessen. Nudeln mit Wurst oder Fleisch und Soße. Das war schon sehr viel. Doch es wurde noch besser. Nachtisch. Pudding mit Erdbeeren. Was will ein hungriger 9-jähriger Junge noch mehr? (Heute würde dieses Angebot vielleicht als Highlight bezeichnet). Das allerbeste aber an diesem Mittagsbesuch erwies sich als ein richtig guter Volltreffer. Mehl und andere wertvolle Waren „belasteten“ von da ab unser Gepäck, vor allem meinen Rucksack, ließen aber auch merklich Freude aufkommen.
Nach diesem Tauscherfolg war die Hamstertour aber noch nicht am Ende. Abends ging es wieder zurück zum Bahnhof. Die Heimfahrt lohnte sich nun, war jedoch an diesem Abend nicht mehr möglich. Also noch einmal übernachten. Doch, o Schreck, in „unserer Ecke“ des Waggons hatte sich schon eine andere Gruppe eingenistet. Damit waren wir Jungen schon wieder aufgerufen, andere möglichst bequeme Unterlagen zu beschaffen um ein neues Nachtquartier in der gegenüberliegende Ecke einzurichten.
Am nächsten Morgen schleppten wir uns mit dem Hamstergut ins Bahnhofsgebäude. Eine lange Wartezeit war noch zu überstehen bis der Zug endlich in Richtung unseres Heimatortes Rinsdorf abfuhr.
Die Hamsterreise war damit aber immer noch nicht überstanden. Im Bahnhof Haiger endete erst einmal die Reise. Der Grund: Die amerikanische Besatzungszone endete und die britische, zu der wir ja gehörten, begann hier, und deshalb patrouillierten im Warteraum bewaffnete Soldaten an allen Reisenden prüfend vorbei. Dann befahlen sie einigen – scheinbar wahllos ausgesucht – mitzukommen um sie in einzelne Zellen zu führen. Auch mich traf das Los. Deutlich merkte ich, dass meine Mutter unruhig zurückblieb, denn immerhin hantierten die Uniformierten auffallend an ihren Gewehren herum.
In der Zelle forderte ein Soldat mich auf, meinen Rucksack zu öffnen und den ganzen Inhalt restlos auf den Boden zu legen, dann verzog er sich wieder und ich durfte alles Ausgeräumte wieder mühevoll einsammeln und zu meinen Leuten zurückkehren.
Und so kamen wir doch noch mit ziemlich dicken Hamstertaschen wohlbehalten und glücklich in unsere eigenen Behausungen und zu unseren Familien zurück.
Siegen-Eiserfeld, Juli 2025 Erhard Moos