Gefährliche Gastfreundschaft

Nach fast sechs langen Jahren Krieg besetzten Ende März 1945 amerikanische Soldaten unser Dorf. Einige Tage später waren auch in Eisern die Kämpfe zu Ende, und die gefällten Straßenbäume an der Grenze zwischen unseren beiden Dörfern wurden wieder von der Fahrbahn geräumt. Ich war damals zwölf Jahre, fast dreizehn.

An einem Sonntag Anfang April kam ich gegen Mittag von Eisern aus der Kirche zurück. Als einziger der Rinsdorfer Konfirmanden bog ich ab in das kleine Tal des Altenbachs, während die anderen auf der Landstraße weitergingen ins Dorf.

Als keiner mehr von ihnen zu sehen und ich ganz allein war auf meinem Weg, kam mir vom Wald her ein Unbekannter entgegen. Genau da, wo die letzten Meter zu unserem Haus abzweigen, blieb er stehen, als würde er auf mich warten. Der Mann schien nicht mehr ganz jung und seine Kleidung ziemlich nass.
Er sprach mich an, und weil sein Deutsch sich für meine Siegerländer Ohren seltsam anhörte war mir nicht so recht klar, was er meinte. Ich wusste also nicht, was ich antworten sollte und sagte zu ihm: „Ich wohne im Haus da vorn. Am besten ist, Sie kommen mit und sprechen mit meinem Vater.“

Wir gingen also in unser Haus und geradewegs in die Küche, wo der Fremde sich meinen Eltern als deutscher Soldat vorstellte. Mich wunderte, dass er keine Uniform trug, sondern normale Kleidung.

Mein Vater musste anscheinend erst einmal überlegen, wie er sich diesem Soldaten in Zivil gegenüber verhalten sollte. Im Dorf waren Dutzende amerikanische Besatzungssoldaten, von denen einige sich auch schon bei uns umgesehen hatten. Und jetzt schneite ein deutscher Soldat in unser Haus! Das konnte nur Schwierigkeiten geben. Aber er war ein Landsmann, wollte wahrscheinlich zu seiner Familie, und bestimmt hatte er Hunger. Meine Eltern fühlten sich verpflichtet, ihm zu helfen und luden ihn zum Mittagessen ein. Beim Essen erzählte der Fremde unter dem Siegel der Verschwiegenheit, vier Kameraden hielten sich oben im Wald versteckt. Gestern hätten sie bei Herdorf versucht, sich einem Haus zu nähern. Dessen Bewohner hatten jedoch nichts mit ihnen zu tun haben wollen und gedroht, sie zu verraten, wenn sie nicht sofort verschwänden. Also waren sie wieder in den Wäldern untergetaucht und hatten sich zwanzig Kilometer bis hierher durchgeschlagen.

Seine Kameraden da oben im Wald wären bestimmt sehr dankbar für eine warme Suppe, erwähnte der Mann. Aber nach ihren schlechten Erfahrungen gestern wage er gar nicht darum zu bitten, auch wegen der Mühe und des Aufwands, ihnen etwas in den Wald hinauf zu bringen. Meine Mutter nahm sofort ihren größten Topf und machte sich an die Arbeit. Mein Vater schickte mich zu einem Nachbarn und ließ fragen, ob er helfen würde, vier Männer in einem Versteck mit Essen zu versorgen. Der Nachbar wunderte sich zwar, wollte aber mitmachen.

Meine Mutter tat besonders nahrhafte Einlagen in die Suppe, denn die Männer im Wald sollten ja satt werden. Und dann zogen mein Vater, der Nachbar und ich mit unserem fast bis zum Rand gefüllten Kochtopf in den Wald hinauf. Der Fremde hatte den Weg zum Versteck genau beschrieben, und weil wir uns auskannten im Gemeindewald, fanden wir die Hungrigen, bevor das Essen kalt war.

Ich weiß noch, dass ihre Gewehre mir auffielen und die Menge an Munition, die auf dem Boden lag, weil es mächtigen Eindruck auf mich machte. Die Männer selbst aber sahen jetzt nur die Suppe. Sie schmeckte ihnen offenbar, denn der Topf wurde rasch leer, und sie bedankten sich mehrmals.

Wir gingen wieder nach Hause und berichteten unserem Gast, wie seine vier Kameraden sich mit Heißhunger über das unverhoffte Essen hergemacht hatten.

Einige Zeit später sahen wir durchs Küchenfenster einen Mann, der sich vom Waldrand her näherte, dann einen zweiten, dritten und vierten. Einer nach dem anderen kamen sie auf unser Haus zu. Es waren die Männer aus dem Versteck oben im Wald. Wir hatten sie nicht eingeladen, denn ein Besuch von vier fremden Männern wäre allzu verdächtig gewesen, erst recht am helllichten Tag. Jetzt aber waren sie da, und uns blieb nichts anderes übrig, als sie sofort zur Kellertür herein zu lassen.

Mit Schrecken stellten wir fest, dass jeder ein Gewehr bei sich trug. Mein Vater schickte sofort seine Frau mit meinen beiden kleinen Schwestern zur Oma, damit wenigstens die „Wieslie“ in Sicherheit waren. Außerdem sollten sie besser nichts von den bewaffneten fremden Männern in unserem Keller wissen. Die Gewehre beunruhigten auch meinen Vater. Deshalb warnte er die Fremden: „Hier können jederzeit Besatzungssoldaten auftauchen und ins Haus kommen. Im Dorf sind nämlich die Amerikaner.“ Für die deutschen Soldaten war das nichts Neues: „Das wissen wir schon“, sagten sie. „Wir haben nämlich von oben alles genau beobachtet.“ „Und was ist, wenn die Amerikaner Euch gesehen haben und unser Haus umstellen?“, hakte mein Vater nach. Darauf sagte einer der Männer, wahrscheinlich ihr Anführer einen Satz, der uns das Schlimmste befürchten ließ: „Solange wir im Haus sind und noch einer von uns lebt, kommt kein Amerikaner hier herein!“ Vielleicht wollte er uns beruhigen mit dem, was er da gesagt hatte, bewirkte aber damit das Gegenteil. Denn ein Kampf zwischen fünf Deutschen und den zahlenmäßig zehnfach überlegenen Besatzungstruppen konnte für uns alle den Tod bedeuten.

Unseren Gästen jedoch schien jetzt ganz anderes wichtiger zu sein: Ihre nasse Kleidung müsste getrocknet werden, und bei dieser Gelegenheit würden sie sich am liebsten auch einmal gründlich waschen. Mein Vater mag bei sich gedacht haben, dass immerhin keine Schießerei ausbrechen konnte, solange die Gäste sich säuberten, und so begannen entsprechende Vorbereitungen, mitten am Sonntagnachmittag. Mindestens zehn Eimer Wasser wurden in den großen Kupferkessel der Waschküche geschüttet, einige Holzscheite darunter geschichtet, und bald schlugen helle Flammen von unten gegen den Kesselboden. Wer bei Wind und Wetter tagelang durch den Wald gestreift ist und nächtelang auf dem Erdboden gelegen hat, dem steht nämlich eine Warmwasserwäsche zu.

Als die Fünf sauber waren, stapften sie aus dem Keller herauf in die warme Küche. Dort begannen sie, ihre Gewehre zu reinigen, und zwar auf dem Küchentisch. Meine Mutter, die ohne meine Schwestern zurückkam, wäre vor Schreck fast umgefallen, als sie die Waffen mitten in ihrer Küche sah.

Soldaten zu helfen, die nach Jahren in der Ferne nicht für ungewisse Zeit in Gefangenschaft wollten, sondern nur nach Hause, das konnte nicht unrecht sein. Sie in ihrem Versteck in den Wäldern mit Suppe zu stärken gehörte ebenso zu dieser Hilfe wie ihnen die Möglichkeit zu bieten, ihre nasse Kleidung zu trocknen und sich wieder einmal gründlich mit Seife zu waschen. Aber diese Soldaten hier waren äußerlich als harmlose Zivilpersonen unterwegs, hatten ihre geladenen Gewehre in Reichweite neben sich und waren entschlossen, selbst in Zivilkleidung weiter zu kämpfen.

Wie alle Besatzungsmächte, sahen die Amerikaner in jedem als Zivilisten getarnten Bewaffneten einen Partisanen, der selbst als Gefangener keine Gnade zu erwarten hatte. Und wer solche Leute unterstützte, dem drohten die schärfsten Strafen. Die Fünf jedoch saßen nun seelenruhig da und ließen durchblicken, dass sie eigentlich wieder Hunger hätten.

Meine Mutter stellte ihre große Bratpfanne auf den Herd und gab sich daran, Kartoffeln zu schälen, in Scheiben zu schneiden und sie zu braten. Und bald ließen unsere Gäste es sich schmecken. Sie wurden immer zufriedener, ihre Stimmung besser und besser. Sie waren schon sauber und trocken und nun auf dem besten Wege, auch noch satt zu werden.

Nach Einbruch der Dämmerung begannen sie ihre Sachen zu packen. Sie mussten die Zeit nutzen, um weiter zu ziehen, denn unterwegs in vom Gegner besetztem Gebiet ist ein versprengter Soldat nur bei Dunkelheit halbwegs sicher vor Entdeckung. Ihren weiteren Weg hatten die Männer schon von ihrem hohen Ausguck im Wald festgelegt: Zuerst mussten sie ungesehen die Landstraße überqueren, jenseits des Baches in den Wald, und dann nach Norden, wo sie auf deutsche Truppen zu stoßen hofften. Sie bedankten sich noch einmal für alles und versprachen, wenn sie unser Dorf wieder freigekämpft hätten, dann wollten sie sich bei uns melden.

Es wurde ein Abschied, wie er in den fünf langen Kriegsjahren oft ganz ähnlich abgelaufen sein mag, auch in den Familien unseres Dorfes. Hier war es kein Abschied von Sohn oder Ehemann, aber ein Abschied in auswegloser Lage, denn die deutschen Truppen hatten den Flugzeugen und Panzern der Amerikaner kaum noch etwas entgegenzusetzen.

Welche Wünsche gibt man Soldaten mit auf den Weg, die in einen solchen aussichtslosen Kampf ziehen? Sie sollten ihr Leben nicht mehr aufs Spiel setzen, keine unnötigen Opfer bringen? Meine Eltern haben versprochen, für sie zu beten.

Mein Vater hatte mich schon vor ihrem Aufbruch zu einem verschwiegenen Bekannten in der Hinterecke geschickt und fragen lassen, ob er helfen würde, fünf versprengte deutsche Soldaten heimlich auf die andere Seite der Landstraße zu lotsen. Als Helfer kam nur jemand infrage, der schweigen konnte, denn falls etwas ausgeplaudert wurde, dann gerieten die deutschen Soldaten und auch wir in höchste Gefahr. Der Bekannte ließ sich nicht lange bitten, sondern kam ohne Zögern mit.

Als es richtig dunkel war, stellte er sich an die Straße und hielt Ausschau nach amerikanischen Soldaten. Sobald die Luft rein war, gab er mir ein Zeichen, woraufhin ich sofort den wartenden fünf Männern Bescheid zu geben hatte. Sie bewegten sich lautlos vor bis zum Straßenrand und spähten zur Sicherheit auch selbst nach links und rechts. Als die Lage ruhig blieb, huschten sie einzeln über die Straße und verschwanden in der Dunkelheit.

Von uns fiel jetzt eine Last ab, nachdem das Ganze so glimpflich für uns ausgegangen war. Vor allem meine Eltern waren erleichtert nach all der Anspannung und Angst, die sie in den letzten Stunden auch um ihre Kinder gehabt hatten. Nicht auszudenken, was alles hätte geschehen können.

In den Jahren nach dem Krieg haben wir uns häufig gefragt, was wohl aus unseren fünf Soldaten geworden sein mochte. Eines Tages erhielten meine Eltern einen Brief. Der Name des Absenders sagte ihnen nichts, ebenso wenig dessen Wohnort irgendwo in Süddeutschland. Verfasser des Briefs war der Fremde, der mich an jenem Sonntag in den letzten Kriegswochen vor unserem Haus angesprochen hatte, ein deutscher Hauptmann, wie sich jetzt herausstellte. Er schrieb, sie seien bei Netphen wieder zu deutschen Truppen gestoßen und hätten noch gekämpft, sich aber immer weiter zurückziehen müssen. Einen Monat später sei ja im ganzen Land der Krieg vorbei gewesen. Er bedankte sich nochmals von Herzen bei meinen Eltern für ihre mutige Hilfe, die er und seine Kameraden in unserem Haus erfahren hatten.

Und bis zum heutigen Tag ist nichts nach außen gedrungen über das, was an jenem unvergesslichen Sonntag in unserem abgelegenen Tälchen geschah.

Nach einem Bericht von Alfred Kölsch

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