Siebtklässler als Bombenentschärfer

Englische Flugzeuge haben bis in die letzten Kriegsmonate 80 Millionen Brandbomben auf deutsche Städte geworfen. Abertausende Häuser, ganze Straßenzüge, Stadtviertel und Innenstädte sind in Schutt und Asche versunken. Dörfer wie das unsere waren bisher kein Ziel, aber auch hier müssen die Menschen abends die Fenster verdunkeln.
Der Krieg dauert schon über fünf lange Jahre. Weil die meisten Männer weit weg an einer Front sind, müssen Kinder noch mehr helfen als vorher schon. Die alljährlichen Arbeiten auf Äckern und Wiesen und im Hauberg fordern auch ihre jungen Kräfte bis in den Herbst. Erst ab dem November haben die Schulkinder nach Unterricht und Hausaufgaben wieder freie Zeit.
Ein paar Jungen nutzen diese Nachmittagsstunden, um über Wiesen und Felder zu streifen. Sie sind fünf Minuten vom Jagdhaus entfernt, als in der Luft plötzlich Motoren dröhnen. Da gibt es kein Überlegen: Sofort hinter dem nächsten Gebüsch verschwinden und Ausschau halten.
Ein Pulk von Flugzeugen fliegt aus Richtung Wilgersdorf das Heckebachtal herunter, Bomber wahrscheinlich. Sie sind noch nicht ganz vorbei, als ein seltsames Zischen in der Luft zu hören ist. Sollten sie etwas abgeworfen haben, dann muss das in der Nähe heruntergekommen sein.
Natürlich wollen die Jungen es ganz genau wissen. In den Wiesen finden sie Metallstäbe in der Form sechseckiger Bleistifte, allerdings dick wie ein Handgelenk und einen halben Meter lang. Einige liegen im Gras, die meisten haben sich in den Wiesenboden gebohrt. Sogar Rauch steigt auf, als ob sie im Erdreich vor sich hin schwelen. Brandbomben werden es sein, das ist offensichtlich.
Wo sich der Rauch verzogen hat, sieht man zwei kurze, schmale Metallstreifen aus einem Loch ragen, mitten in der sechseckigen Oberseite.
Die Jungen finden eine Bombe, die flach auf dem Boden liegt. Mitten über ihren oberen Deckel ist ein Metallstreifen geklebt, der auch das Loch in dessen Mitte verdeckt. Nirgendwo sind Brandspuren zu sehen, also ist diese Brandbombe nicht abgebrannt. Der Zünder könnte sogar noch intakt sein, jedenfalls mit einiger Wahrscheinlichkeit.
Mit höchster Wahrscheinlichkeit gehen die daraus folgenden Überlegungen in eine verbotene Richtung. Die Siebtklässler überlegen nämlich, den Zünder dieser Brandbombe irgendwie auszulösen und sie dann abbrennen zu lassen. Das wäre dann ja nur eine Art, die Bombe unschädlich zu machen.
Diese Zünder funktionieren, wenn sie aus großer Höhe am Boden auftreffen. Ob es für eine Zündung genügt, wenn das gefährliche Stück von einem Baum fällt, das weiß keiner in der Runde so genau. Es käme auf einen Versuch an. Falls die Höhe nicht reicht um den Zündmechanismus in Gang zu setzen, dann ist dieser Blindgänger nach dem Versuch nicht gefährlicher als vorher.
Wo aber sollte ein solcher Versuch am besten durchgeführt werden?
Auf keinen Fall im Wald, denn Funken und Feuer im Wald, das gäbe Riesenärger, außerdem ist Waldboden weich, ebenso wie der Boden auf Wiesen und Äckern.
Die geteerte Landstraße ist fest, und Brandspuren lassen sich dort leicht mit einer Schicht Straßenstaub verwischen. Von einem Straßenbaum müsste die Bombe fallen. Da sind sich alle einig.
Einigkeit herrscht auch darüber, dass kein Erwachsener etwas sehen darf. Hundert Meter hinter der Weidekampkurve sind sie geschützt gegen Sicht aus dem Dorf. Auf der Straße selbst rollt in diesen Wochen so gut wie kein Fuhrwerk und erst recht kein Auto, und für den Ausnahmefall hätte man gute Ohren und schnelle Beine.
Soweit ihre Überlegungen, was man tun könnte und wie vorzugehen wäre.
Und dann stehen die jungen Planer vor einem dieser dicken Straßenbäume, deren unterste Äste mindestens vier Meter hoch über dem Boden ansetzen. Die Umsetzung ihres schönen Plans droht an einem leibhaftigen Straßenbaum zu scheitern.
Mit der Räuberleiter und einigen Schrammen an Armen und Beinen gelingt schließlich seine Bezwingung. Die etwa zwei Kilo schwere Brandbombe wird vorsichtig wie ein rohes Ei hinaufgereicht bis zu dem Kameraden auf dem ersten Seitenast, der ein Stück zur Straße hin ragt.
Die Beförderung einer scharfen Brandbombe von Hand zu Hand über eine Räuberleiter entspricht sicher nicht so ganz den militärischen Vorschriften. Auch sehen diese nicht vor, dass ein Siebtklässler mit einer solchen Bombe am gestreckten Arm vier Meter hoch auf dem Ast eines Straßenbaums hockt.
Erst wenn er das gefährliche Teil loslässt und es auf die Straße fällt, dann müsste er da oben einigermaßen in Sicherheit sein.
Seine Kameraden, mittlerweile auf dem Boden zurück, müssen mehr als vier Meter Abstand halten von der Stelle, wo die Bombe aufschlagen wird. Sie bewegen sich zwar zur Seite, aber nur nicht zu weit, denn jeder will unbedingt sehen, was nach der Zündung geschieht.
Dann steigt die Spannung. Der oberste Bombenentschärfer lässt die Brandbombe senkrecht nach unten fallen, sie prallt hart auf die Straße, und es geschieht … gar nichts.
Sollte der Zünder nicht funktionieren? War die Fallhöhe zu gering? Alle sind ratlos.
Eine halbe Minute später zischt ein heller Feuerstrahl heraus, Funken sprühen. Leicht vorstellbar, wie dadurch ihre Elternhäuser in Brand gesetzt würden, denn die Bomben sollten eigentlich auf das Dorf fallen.
Nach einer Weile geschieht sogar etwas, mit dem die Schuljungen nicht gerechnet haben: Plötzlich ein Knall, die Bombe explodiert. Zum Wegducken ist es zu spät.
Was keiner geahnt hat: In vielen Bomben sind zusätzlich Sprengladungen eingebaut, die gefährliche Metallsplitter enthalten wie Handgranaten. Diese Ladung explodiert erst einige Minuten nach Auslösung des Brandsatzes, weil die Splitter Feuerwehr oder Hausbewohner auf Abstand zur Bombe halten sollen, um frühzeitiges Löschen zu verhindern.
Wie durch ein Wunder ist keiner der Jungen verletzt, nicht einmal verräterische schwarze Spuren haben sie auf Haut oder Kleidung.
Unter diesen Umständen ist strengste Verschwiegenheit zu Hause und nach außen über dieses Vorkommnis selbstverständlich und Ehrensache.
Die überraschende Explosion hat die jungen Sprengmeister bis ins Mark erschreckt und sich tief ins Gedächtnis eingebrannt, vermutlich sogar lebenslang. Diese heftige Wirkung wäre selbst mit Strafen durch Erziehungsberechtigte, wie sie damals nach Untaten weithin üblich waren, nicht mehr zu steigern gewesen.
Weil alle Beteiligten sich für Geheimhaltung entschieden haben, müssen sie dieses gefährliche Erlebnis sogar ihren Klassenkameraden gegenüber verschweigen. Nicht einmal zur Abschreckung dürfen sie ihre neuen, unerwartet einprägsamen Erfahrungen weitergeben, obwohl doch damit sämtliche Dorfjungen leicht zu überzeugen wären, dass sie besser ihre Finger von Blindgängern lassen.

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