Tieffliegerangriffe im Hauberg

Es ist das sechste Kriegsjahr, und auch in unserer Gegend sind Tiefflieger zur ständigen Gefahr geworden. Sie streichen niedrig über die Höhen, welche unser Dorf umgeben, tauchen wie aus dem Nichts über Baumwipfeln auf und schießen auf Menschen, die ihre Felder bestellen und für ihr tägliches Brot sorgen.
Auch bei der Waldarbeit ist in diesem Jahr niemand sicher, denn die Bäume tragen im März noch kein Blätterdach, unter dem man geschützt wäre gegen Sicht von oben. Aber die Dorfbewohner haben keine Wahl. Sie sind auf Brennholz angewiesen, seitdem die Bahnhöfe zerbombt sind und die Eisenbahn keine Kohlen und Briketts mehr herbeischaffen kann.

Seit Generationen schlagen die Familien ihr Holz im Genossenschaftswald (dem sogenannten Hauberg) und gehen sparsam damit um. Lediglich im Küchenherd flackert ein Feuer, denn wenigstens die Küche, wo sich Groß und Klein am Abend aufhalten, soll einigermaßen warm sein. Die Kühe bleiben in den Wintermonaten auch tagsüber im Stall und geben dort etwas Wärme ab, die den Menschen willkommen ist. Das Wohnzimmer als die gute Stube des Hauses wird nur an Weihnachten oder zu besonderen Anlässen geheizt, und das übrige Haus bleibt sowieso kalt. Innen an den Fensterscheiben der Schlafzimmer blühen nach bitterkalten Nächten die Eisblumen, deren weiße Blüten sich manchmal einige Tage halten.
Weil ständig Feuerholz im Herd gebraucht wird, kann die Holzarbeit nicht aufgeschoben werden. In diesem Jahr liegt das zum Schlag ausgewählte Stück Hauberg einen halben Kilometer talaufwärts, allzu weit muss das Werkzeug also nicht getragen werden.
In den Kriegszeiten mühen sich Frauen auch im Wald mit Arbeiten, die sonst ihre Männer erledigt haben, und die Schulkinder helfen dabei noch mehr als in Friedensjahren. Selbst die Kleineren gehen zur Hand.

Bei all der Arbeit in Wind und Wetter muss jeder stets auf der Hut sein vor Tieffliegern. Heute entdeckt ein Achtjähriger diese Maschinen, zwei davon fliegen das gegenüberliegende Seitental herunter, erstaunlich leise. Sie halten genau auf den Hang zu, wo die Menschen mit Beil und dem Knipp, einem Haumesser, am Werk sind. Der Junge schreit zu Mutter und Oma hinüber, die noch nichts zu bemerken scheinen. Er muss sie unbedingt warnen, läuft und springt einige Schritte auf sie zu und zeigt mit ausgestrecktem Arm auf die Gefahr.
Die Mutter schreit zurück, er solle stehen bleiben und sich ducken. Sie weiß, dass ihr Kind den Angreifern weniger auffällt, wenn es am Boden kauert und sich ruhig verhält. Und sie weiß, dass ihnen allen keine Zeit bleibt, um sich zu verstecken, denn diese schnellen und wendigen Flugzeuge kommen in jeder Sekunde fast 100 Meter näher, selbst wenn sie nur mit halber Höchstgeschwindigkeit angreifen. Jedes Mal ist es ein Überfall.
Die Menschen hören das Rattern der Maschinengewehre über sich, hoffen und beten, dass sie nicht getroffen werden. Sekunden werden zu Minuten.

Nach den Schüssen ist es totenstill. Vorsichtig schauen die Menschen sich um. Wie es scheint, haben alle den Angriff überstanden, und alle unverletzt. Einen Steinwurf entfernt hat sich eine Mutter auf den Boden geworfen und Reisigbündel, sogenannte Schanzen über sich gezogen. Ihr elfjähriger Sohn sollte nach Schulschluss kommen und helfen. Jetzt ängstigt sie sich um ihr Kind, es müsste unterwegs sein, eigentlich schon hier sein … und das Kind wird nicht weniger um seine Mutter bangen, wenn es die Tiefflieger sieht.
Die Gefahr ist noch nicht vorbei. Die Menschen wissen aus Erfahrung, dass diese Maschinen eine Schleife fliegen und danach aus anderer Richtung wieder auftauchen.
Bis dahin muss jeder die knappe Zeit nutzen, um vor dem zweiten Angriff Schutz zu suchen. Einige laufen zu vereinzelten Samenbirken und verstecken sich dort hinter den Schanzen, die sie vorher aufrecht um den Stamm gestellt haben. Diese halten zwar keine Kugeln ab, verbergen aber die Menschen besser als nackte Baumstämme.
Wer junge Beine hat, rennt in den benachbarten Fichtenwald, der am besten vor Entdeckung schützt.
Dann kommen die Angreifer wieder. Schon im ersten Anflug muss den Piloten klar gewesen sein, dass sie hier keine militärischen Ziele vor sich haben. Wieder ducken sich die Menschen vor den Fliegern, sehen bei angehaltenem Atem die Erde aufspritzen, wo die Geschosse in den Boden einschlagen und fürchten um ihr Leben, wenn die Einschläge näherkommen.

Mit vier Maschinengewehren aus einem Flugzeug auf wehrlose Frauen und Kinder am Boden zu schießen, ist alles andere als eine Heldentat. Das Kriegsvölkerrecht gebietet, solche Verbrechen zu bestrafen. Vorher aber muss man die Täter finden – und das ist aussichtslos in diesem Krieg.
Wenn Vorgesetzte die Rechtsverstöße ihrer Untergebenen erklären müssen, reden sie gern von eigenmächtigem Vorgehen vereinzelter schwarzer Schafe. Die Menschen in unserer Gegend aber sehen diese sogenannten einzelnen schwarze Schafe immer im Pulk angreifen. Anscheinend sind sie sicher, dass niemand ihnen etwas anhaben kann. Als ob sie wüssten, dass nach Kriegsende die Sieger anderes im Sinn haben als den Beschwerden der Verlierer nachzugehen und gegen die eigenen Soldaten zu ermitteln.
An einem anderen Tag entdecken die schwarzen Schafe ein Milchfuhrwerk auf der Landstraße, zwei Kilometer außerhalb unseres Dorfes. Durch das Pferdegetrappel und das Knirschen der Räder hört der Mann auf dem Kutschbock die beiden Flugzeuge wahrscheinlich zu spät. Er findet keine Zeit mehr, sein Fuhrwerk anzuhalten und abzuspringen. Die Straßenbäume geben ihm nicht ausreichend Schutz, die Maschinengewehrsalven aus der Luft treffen den älteren Mann aus dem Nachbardorf tödlich.
Die Piloten brüsten sich nach der Rückkehr vom Feindeinsatz vermutlich damit, ein feindliches Fahrzeug samt Besatzung vernichtet zu haben. Dass es ein mit Milchkannen beladenes Pferdefuhrwerk war und der Kutscher kein Soldat, das sind Einzelheiten, die in ihrem schriftlichen Bericht leicht verschwiegen werden können. In den Akten wäre alles jahrelang nachzulesen und könnte womöglich noch Unannehmlichkeiten nach sich ziehen.

Von diesen schießwütigen Fliegern unterscheiden sich die später in unser Dorf einrückenden Bodentruppen sehr wohltuend. Besonders die Farbigen unter ihnen sind kinderlieb, verschenken Kaugummi und Schokolade an die Dorfjugend. Einer von ihnen rettet einem Kind das Leben, das ahnungslos auf der Straße spielt. Unter eigener Lebensgefahr springt er zu ihm und bringt es in Sicherheit, bevor Sekunden später eine deutsche Artilleriegranate einschlägt, abgefeuert auf feindliche Soldaten.

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