Ende März 1945, kurz vor meinem siebten Geburtstag, machte eine Nachricht in unserem Dorf die Runde: Die Amerikaner kommen! Sie sind schon in Eisern mit ihren Panzern!
Uns Kindern machte das Angst, meinen Eltern wahrscheinlich auch. Diese Angst wurde im Radio geschürt mit Berichten darüber, wie schrecklich die feindlichen Soldaten die Deutschen behandelten.
Meine Eltern sorgten sich außerdem um unsere Nahrungsvorräte, von denen wir bis zur nächsten Ernte leben mussten, und bis dahin waren es noch etliche Monate, denn im Garten war noch nichts gesät und nichts gepflanzt.
Die Einmachgläser, gefüllt mit eingewecktem Obst und Gemüse und Fleisch aus eigener Schlachtung standen im Keller. Diese guten Vorräte durften unter keinen Umständen fremden Soldaten in die Hände fallen! Sie mussten versteckt werden. Aber wo? Für etwa zwei Dutzend Einmachgläser gab es im ganzen Haus kein geeignetes Versteck, und irgendwo draußen wären sie nicht sicher vor den Nachtfrösten, die im März und April noch auftraten.
Die Gläser mussten unbedingt vor Kälte geschützt lagern. Unter einer dicken Schicht Erde wären sie sicher. Vergraben, das war die Lösung! Auf grüner Wiese hinterlassen Erdarbeiten jedoch Spuren, die dann Misstrauen hervorrufen. Wenn dagegen im Garten gescharrt worden ist, fällt das nicht weiter auf. Eines Abends Ende März zogen meine Eltern sich dunkle Jacken über und verließen mit Hacke und Schaufel das Haus. Niemand durfte Zeuge werden, wenn sie ein Loch gruben und vorsichtig etliche Gegenstände darin versenkten! Die Fenster des einzigen Nachbarhauses waren, wie damals vorgeschrieben, abends und nachts verdunkelt, ebenso wie unsere Fenster. Deshalb hatten meine Geschwister und ich keine Ahnung, wo die Schätze versteckt wurden.
Ich erinnere mich auch an unseren guten, geräucherten Schinken. Auf keinen Fall wollten wir ihn verlieren, und schon gar nicht an diese Amerikaner. Weil aber meine Eltern kein passendes Gefäß besaßen, in dem sie ihn hätten vergraben können, musste er auf andere Weise in Sicherheit gebracht werden. Meine Mutter hatte einen Vorschlag: Sie wollte ein Schinken-Festmahl für die ganze Familie veranstalten. Es wurde sehr lecker, wir durften uns richtig satt essen und haben das edle Stück feierlich genossen. Aber schade war es doch, den gesamten Schinken bei einer einzigen Mahlzeit zu vertilgen.
Mittlerweile hatten deutsche Soldaten zwischen Eisern und Rinsdorf Chausseebäume gefällt und quer über die Straße gelegt, um mit dieser Panzersperre die amerikanischen Truppen aufzuhalten, wie mein Vater uns erklärte.
Die Amerikaner kamen dennoch mit ihren Panzern ins Dorf, und zwar von einer anderen Seite. Es war am Karfreitag, dem 30. März 1945. Das weiß ich so genau, weil ich an diesem Tag sieben Jahre alt wurde.
Als sich Soldaten unserem Haus näherten, bekam ich Angst. Die fremden Männer verhielten sich aber gar nicht so schlimm, wie es im Radio immer wieder berichtet worden war. Sie hielten uns kein Gewehr drohend vor die Nase und schrien uns nicht an, sondern versuchten in ruhigem Ton und mit Handzeichen, sich mit meinem Vater zu verständigen. Untereinander sprachen sie so komisch, dass ich kein Wort verstand.
Zu uns Kindern waren die Soldaten sogar richtig freundlich. Mein Vater konnte ihnen klar machen, dass ich Geburtstag hatte, und sie schenkten mir daraufhin einen kleinen, orangefarbenen Ball. Ich hielt mein Geschenk staunend in den Händen, denn so etwas hatte ich noch nie gesehen. Zuerst hielt ich es für ein Spielzeug. Die Fremden nannten meinen Ball „Orange“, passend zu seiner Farbe. Sie gaben mir zu verstehen, dass ich diese „Orange“ essen könne. Ich war noch unsicher, ob ich den fremden Männern trauen durfte. Sie schauten mich aufmunternd und erwartungsvoll an. Sollte ich wirklich in diesen seltsamen Ball hineinbeißen? Zögernd versuchte ich es – die Schale schmeckte bitter. Die Soldaten lachten, als ich mein Gesicht zu einer Grimasse verzog. Dann zeigten sie mir, wie ich die „Orange“ schälen musste. Das Innere schmeckte süß, es war saftig und lecker.
Nachdem die ersten amerikanischen Soldaten so freundlich zu mir gewesen waren, verstand ich nicht, daß einige Tage später andere amerikanische Soldaten verlangten, ausgerechnet wir sollten unser Haus verlassen. Sie brauchten anscheinend Platz, und es blieb dabei: Meine Eltern, Geschwister und ich mussten aus unserer Wohnung und uns eine andere Unterkunft suchen. Für wie lange, das konnte niemand sagen.
Zum Glück konnten wir in das Haus von Tante Martha und Onkel Gustav umziehen, das zweihundert Meter entfernt an der Landstraße stand. Tante Martha war eine Schwester meines Vaters, eine fröhliche und warmherzige Frau. Ich mochte sie sehr. Das ganze Haus stand leer, denn Onkel Gustav war mit der gesamten Familie schon vor etlichen Wochen zu Verwandten ins Wittgensteiner Land geflohen, weil er Ortsvorsteher war und erst einmal abwarten wollte, wie die neuen Herren sich gegenüber solchen Amtsträgern verhalten würden.
Unsere „neue“ Wohnung war mit allem ausgestattet, was wir brauchten. Aber meine Eltern wollten Tante Marthas Vorräte nicht anrühren. Unsere eigenen Weckgläser mit all den leckeren Früchten, dem selbst gezogenen Gemüse und dem Fleisch aus eigener Schlachtung – all das schlummerte vergraben unter der Erde und fehlte uns auf dem Teller. Wir bekamen es von Tag zu Tag mehr zu spüren.
Meine Mutter hatte ihre liebe Not, uns satt zu bekommen. Sie hätte uns gern mehr aufgetischt. Die Ungewissheit, was aus den vergrabenen Vorräten würde, war für meine Eltern immer schwerer zu ertragen. Eines Tages gab meine Mutter meiner Schwester und mir die Anweisung, mitzukommen. Sie trug einen Spaten, bog in das Tal des „Ahlemich“ ein und marschierte schnurstracks zu unserem Garten. Mir wurde nun klar, warum sie einen Spaten dabei hatte.
Aber auf der Treppe vor unserer Haustür standen Soldaten. Weil der Garten vor unserem Haus lag, hatten sie alles genau im Blick, als meine Mutter an einer Stelle vorsichtig zu graben begann, direkt neben dem Gemüsebeet.
Noch heute sehe ich die verwunderten Gesichter der Amerikaner, wie sie dem rätselhaften Treiben dieser fremden Frau zusahen, die schließlich ein in Papier gewickeltes rundes, längliches Etwas ans Licht hob. Die Zuschauer auf der Treppe werden einige Vermutungen ausgetauscht haben, was das wohl sein könnte. Leider verstand ich nicht, was sie sagten, aber unfreundlich hörte es sich nicht an.
Als meine Mutter das mit Erde beschmierte Papier entfernte und darunter ein Weckglas mit Früchten zum Vorschein kam, wandelte die Verwunderung der Fremden sich in Belustigung und dann in lautes Gelächter. Meine Mutter tat so, als bemerke sie all das überhaupt nicht. Sie reichte mir das Glas, und ich war froh, dass die Soldaten es mir nicht aus der Hand nahmen. Unbehelligt trug ich unseren Schatz hinüber in Tante Marthas Haus. Mutter grub weiter, und die fremden Zuschauer fanden es anscheinend spannend, was da noch alles aus der Versenkung ans Licht kommen würde. Sie feuerten meine Mutter sogar an mit aufmunternden Zurufen an und klatschten jedesmal Beifall, wenn sie wieder etwas gefunden hatte. Die Soldaten fanden das offensichtlich lustig und machten nicht einmal den Versuch, uns die geretteten Schätze wegzunehmen. Während sie weiter ihre Witze machten, grub meine Mutter unbeirrt weiter. Vielleicht hat sie sich gesagt: „Ihr konnd ruich schwätze onn lache, awwer mir krijje itzend werrer wat orndlijes off de Däller.“ Und sie hob Glas für Glas mit seinem kostbaren Inhalt aus der Erde.
Was mögen die Amerikaner über die eigenartige Vorratshaltung der Deutschen gedacht haben? Mich hat es damals gewundert, dass sie bei unserer „Einmachgläser-Rettungsaktion“ nicht einschritten. Erst viel später begriff ich, dass sie unsere Vorräte gar nicht nötig hatten, denn sie waren reichlich mit allem versorgt.
Als wir wieder in unser Haus im „Ahlemich“ zurückkehren durften, fand ich auf einer Ablage neben unseren Kinderbetten eine große Tüte Zitronenbonbons! Es waren mindestens zwei Pfund. Die Amerikaner mussten sie dort hingelegt haben, vielleicht als Dank dafür, dass sie in unserem Haus gewohnt hatten. Wir Kinder haben uns riesig über dieses Geschenk gefreut und waren glücklich.
Nach einer Erzählung von Gertrud Braun, geb. Kölsch, ergänzt durch Erinnerungen ihrer älteren Schwester Gretel.
