Nachdem die ersten amerikanischen Soldaten in Panzern angerollt sind und das Dorf kampflos eingenommen haben, gibt es mehr als genug für neugierige Dorfjungen, um sich damit zu befassen. Zum Beispiel die neue amerikanische Artilleriestellung, in deren Nähe gleich säckeweise Pulver gestapelt liegt. Pulver, das Siebtklässlern ungeahnte Möglichkeiten eröffnen würde … wenn sie nur etwas davon in die Hände bekämen.
Aber das ist und bleibt ein Wunschtraum, vorerst jedenfalls. Wenn das Donnern der beiden Geschütze einmal für eine Stunde schweigt, halten sich die fremden Soldaten doch stets in der Nähe auf.
Nach einer Woche ist aus dem Tal zu sehen, wie neben der Stellung plötzlich hohe Stichflammen in die Luft schießen. Ein Unglück? Irgendjemand weiß, dass die Soldaten vorher Pulver in Erdlöcher geschüttet und es dann gezündet haben. Demzufolge war es kein Unfall, sondern man hat das wertvolle Material nutzlos verpuffen lassen, und die Geschütze sind auch abgezogen.
Unter all dem, was die Amerikaner zurückgelassen haben, könnten noch Pulverreste schlummern. Genau das wollen einige Siebtklässler überprüfen, bevor sich dort vorwitzige jüngere Schulbuben möglicherweise in Gefahr bringen. Es wäre unverzeihlich, nichts gegen diese Gefahr zu unternehmen. Sobald die Luft rein ist, beginnen sie mit der Nachforschung und stoßen auf seltsame kleine Röllchen aus weißlichem Material, das wie Horn wirkt.
Ein kurzer Versuch mit wenigen Gramm davon bringt Klarheit. Das Zeug verbrennt schlagartig mit heller Flamme, sobald es mit einer Lunte in Berührung kommt. Seine seltsame Form rührt vielleicht daher, dass es der Artillerie als Zünder dient. Den jungen Bastlern erscheint es jedenfalls brauchbar für ihre Zwecke. Nun benötigen sie noch eine Art Flugkörper aus Metall mit dickwandiger Brennkammer und einer Öffnung an der Unterseite.
In diesen schwierigen Zeiten behilft man sich selbstverständlich mit gebrauchten Teilen. Leere US-Konservendosen sind jedoch zu leicht, ihr Blech zu dünn, und aufgrund ihrer Form lägen sie nicht ruhig in der Luft. Selbst unvorhersehbare Änderungen der Flugrichtung wären zu befürchten. Aus festerem Metall muss das Teil sein, von länglicher Form, oben natürlich geschlossen, unten offen und möglichst rundum verengt.
Was diesen Anforderungen am nächsten kommt, sind auf den Kopf gestellte, leere Patronen von Geschossen. Allerdings müssten sie größer sein als die üblichen Gewehrpatronen, damit mehr Pulver hineinpasst. Geeignet wären die Patronenhülsen aus den Maschinenkanonen der Tiefflieger, die zu Dutzenden im Hauberg zwischen frisch geschlagenem Holz liegen.
So mancher Schuljunge hat schon diese leere Hülsen aufgesammelt, und es stellt sich heraus, dass sie fünf Mal so viel Pulver fassen wie die Patronen für Infanteriegewehre.
Die findigen Burschen sehen vor ihrem geistigen Auge schon eine neuartige Antriebsstufe für Flugkörper, deren Herstellung sogar mit beschränkten Mitteln möglich ist.
Ein Schuppen mit den verschiendensten landwirtschaftlichen Geräten hält allerlei Verstecke bereit. Wenn er wie in diesem Fall unmittelbar neben einem elterlichen Wohnhaus steht, ist er für die Lagerung von Zündsätzen aus einer Artilleriestellung eigentlich nur bedingt geeignet. Zur angrenzenden Waschküche jedenfalls muss weitestmöglicher Abstand gehalten werden, weil unter dem großen Waschkessel jede Woche ein offenes Feuer bullert.
Sämtliche Arbeiten von der Verformung der Metallhülsen bis zur Einfüllung des Brennstoffs wollen die jungen Forscher im Schuppen ausführen, denn das Dach schützt vor Regen, und vor allem ist Vaters Werkzeugkiste in greifbarer Nähe.
Die Nähe der Erziehungsberechtigten allerdings wird man in Kauf nehmen müssen. Immerhin haben diese noch kein Verbot ausgesprochen für das, was hier vor sich gehen soll, wahrscheinlich einzig aus dem Grund, weil es ihre Vorstellungskraft übersteigt und damit jenseits aller elterlichen Befürchtungen liegt.
Selbstverständlich werden die bestehenden Verbote und Abstandsregeln zu Fliegerbomben peinlich genau eingehalten. Weit und breit ist nämlich keine einzige Bombe zu sehen, als die Siebtklässler darangehen, die Öffnung einer leeren Geschosspatrone mit einem Hammer zu bearbeiten und gleichmäßig zu verengen, um den Auspressdruck der Pulvergase und damit ihren Schub zu erhöhen. Als sie den geheimnisvollen Festbrennstoff einfüllen, bringt sich kurzzeitig das unvergessliche Abenteuer ihrer Bombenentschärfung in Erinnerung. Die Schrecken der damaligen Explosion hemmen aber letztlich den Tatendrang nicht dauerhaft. Ihr Forschertrieb ist zu stark und bricht sich Bahn. Außerdem wissen die Jungen dass hier kein versteckter Sprengstoff Dutzende Metallsplitter in alle Richtungen zu schießen droht wie bei einer Brandbombe. Auch lauert keine Gefahr durch einen unberechenbaren, unsichtbar ablaufenden zweiten Zündvorgang, sondern hier soll die seit Jahrhunderten übliche und über Generationen von Artilleristen bewährte Lunte verwendet werden.
Aus Sicht der Erziehungsberechtigten bieten Schuljungen, die sich in einem Schuppen handwerklich betätigen, nicht von vornherein Anlass zum Argwohn. Selbst zeitweises Hämmern muss Erwachsene nicht unbedingt beunruhigen. Im Gegenteil wird gern und wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass Jungen mit Eifer, Zielstrebigkeit und Ausdauer werkeln, was manche ihrer Lehrer sicher auch bei den Hausaufgaben für wünschenswert hielten.
Die Bastler selbst bemühen sich, dieses Vertrauen zu rechtfertigen. Unter anderem stellen sie den mit Wasser gefüllten Putzeimer griffbereit in die Nähe für eventuelle Löscharbeiten und hoffen, dass die Mutter ihn nicht vermisst. Außerdem achten sie auf einige Meter Abstand zwischen Wohnhaus und Startplatz, der hinter einer Ansammlung landwirtschaftlichen Geräts im Freien gegen Sicht getarnt ist. Dort lehnt die ehemalige Patrone, jetzt zum Fluggerät umgebaut, behutsam an einer in den Boden gesteckten Astgabel. Und immer noch ahnt nebenan im Haus niemand, was hier vor sich geht.
Schließlich wird die Lunte angezündet. Ihre Flammen züngeln unter der Patrone. Die Spannung steigt.
Zischend hebt das Fluggerät ab, steigt, einen hellen Feuerstrahl hinter sich herziehend in die Luft, überwindet dabei den Dorfbach, und geht nach einigen Sekunden lautlos zwischen den Nachbarhäusern nieder.
Genaugenommen war es eine Landung im Gemüsegarten. Dennoch schlagen die jungen Forscher sich begeistert auf die Schulter. Der Antrieb hat funktioniert, der Jungfernflug ist erfolgreich verlaufen.
In der Nachbesprechung wird jedoch bemängelt, dass die Flugbahn leicht von der vorgegebenen Richtung abgewichen ist. Ursache war vermutlich die etwas ungleichmäßig verengte Austrittsöffnung für die verbrannten Pulvergase.
Mit Werkzeugen eines Grobschmieds kann verständlicherweise niemand Millimeterarbeit leisten. Für Versuche mit größerer Flugweite müsste die Verengung der Austrittsöffnung jedoch so exakt ausgeführt werden, dass die Verbrennungs- und Antriebsgase genau in der Mitte unter dem Schwerpunkt des Flugkörpers ausströmen. Zur Sicherheit wäre auch ein Leitwerk sinnvoll, andernfalls könnte es auf längeren Flugbahnen zu stärkeren Abweichungen nach links oder rechts kommen, und selbst das Trudeln des Flugkörpers wäre nicht auszuschließen.
Für die angestrebten Versuche mit größerem Kaliber wird eine mobile Startrampe erforderlich, bestehend aus gerade gewachsenen Stämmen eines Haselstrauchs als Führungsschienen, um die Flugrichtung besser vorgeben zu können.
Einer der damaligen jungen Forscher zeigt sich noch im gesetzten Großvateralter felsenfest überzeugt von ihrer seinerzeit entwickelten neuen Technik. Vor allem lobt er die hervorragende Beschleunigung der Flugkörper: „Die gonge aaf! Die gonge aaf!!“
Die Patentanmeldung dieses neuartigen Antriebs musste leider unterbleiben. Grund dafür war wieder einmal die leidige Geheimhaltung, denn Eltern waren damals nicht kleinlich mit empfindlichen Strafen, wenn sie diese für unerlässlich hielten.
Außerdem erforderte die Beantragung eines Patents früher schon umfangreiche schriftliche Unterlagen. Auf Unterstützung durch Lehrer war hierbei nicht zu hoffen, weil diesen dann vor allem ein Licht aufgegangen wäre, was ihre Knaben so alles getrieben haben in der Zeit, als sie eigentlich Hausaufgaben erledigen sollten.