Der 6. Dezember war ein Tag, der jedes Jahr so manchem Lausejungen ein beklemmendes Gefühl in der Magengegend verursachte. Schon Monate vor diesem besonderen Tag war nämlich dem einen oder anderen angekündigt worden, dass er vom Nikolaus in diesem Jahr nichts Gutes zu erwarten hätte. Nach schwerwiegenden Vorkommnissen wurde noch die Drohung hinterhergeschickt: „Waarde nur, dä häald dech!“ (Warte nur, der holt dich!) „Da kemmsde edde Sack!“ (Dann kommst du in den Sack!)
Auf diese unerfreulichen Ankündigungen entgegnete manch ein Missetäter trotzig, er habe keine Angst vor dem Nikolaus. Aber jeder dieser Knaben kannte andere, die schon in den Sack gesteckt und aus dem Haus geschleppt worden waren. Und da gab es keinen, der das lustig gefunden hatte. Es konnte also nicht schaden, wenn man sich einige Wochen zusammennahm, zumindest solange, bis der angedrohte Besucher wieder aus dem Haus war.
Die meisten Eltern sahen den Gesellen mit dem langen, weißen Bart gern. Sie unterstützen ihn sogar bereitwillig und erzählten ihm Ereignisse aus den letzten zwölf Monaten, damit er artige Kinder belohnte und frechen Lausbuben ihre Verfehlungen unter die Nase rieb. In ganz seltenen Fällen mussten sie ihm vor der Haustür erklären, dass bereits ein Nikolauskollege ihre Kinder besucht habe. Und dann versicherten sie eifrig, dessen Ermahnungen seien auf fruchtbaren Boden gefallen.
Von uns Kindern wurde der Abend des 6. Dezember immer mit großer Spannung erwartet, denn mit Beginn der Dämmerung tauchte schon bald der erste Nikolaus in unserem Dorf auf. Zunächst waren es „klaaje Klääse“, die nicht sehr bedrohlich wirkten, selbst wenn sie zu zweit oder dritt daherkamen. Sie klopften dort an die Haustüren, wo sie kleinere Kinder wussten, und sie verbreiteten keine Angst, sondern bemühten sich höchstens, würdevoll aufzutreten.
Wenn ein solcher junger Nikolaus sich draußen von einer Rotte frecher Dorfjungen belästigt sah, schlug er mit seinem Stock auf jeden ein, der sich zu nahe heranwagte. Um die frechen Buben aber wirklich im Zaum zu halten, musste er noch ein gutes Stück in die Höhe und Breite wachsen.
Sobald sich ein ausgewachsener Nikolaus irgendwo auf den Weg begab, dann wurde der „Kloos-Oowend“ richtig spannend. Deshalb hatten die Dorfjungen ihre Augen überall, um nur keinen „Großen“ zu verpassen. Sie rannten vom Oberdorf ins Unterdorf und wieder zurück, spähten in alle Seitenwege, und sobald sie einen stattlichen Gesellen sahen, gaben sie untereinander Bescheid, in welches Haus er gepoltert war.
Dieser mochte es meistens überhaupt nicht, wenn vorwitzige Schulbuben umherstreunten und ihm nachliefen. Um ihnen das Mütchen zu kühlen, drehte er sich dann blitzartig um und nahm die Verfolgung auf, trotz langem, schwerem Mantel und Sack auf dem Rücken.
Wer als Fünftklässler von so einem furchterregenden Riesen und dessen bedrohlich geschwungenem Knüppel um die Hausecken gejagt wurde, dem wollte das Herz vor lauter Angst in die Hose rutschen. Und wenn der Bärtige so ein keckes Bürschlein an den Ohren zu fassen bekam, zog er sie ihm so lang, dass dessen Neugier für einige Zeit gestillt war.
Man hat sogar schon manch kleineren Nikolaus gesehen, der nicht darauf vertraute, dass die breitschultrige Verwandtschaft ihm friedlich gesonnen war, sondern lieber Reißaus nahm vor jedem beängstigend großen Kerl.
Wo diese rauhen Gesellen Einlass ins Haus verlangten, pochten sie laut an die Haustür. Wenn sie durch den Flur stampften, stießen sie bei jedem Schritt ihren derben Stock laut auf den Boden, damit auch im ganzen Haus zu hören war, wer da kam. Die Kinder suchten jetzt die Nähe der Mutter, und trotzdem begann so manches kleine Herz heftiger zu schlagen.
Und dann ging die Stubentür auf. Der Bärtige füllte groß und breit den Türrahmen aus. Jetzt war es zu spät für eine Flucht. Er trat ins Zimmer und blieb nahe der Tür stehen. Sie war versperrt, es gab kein Entrinnen mehr.
Er stand da, schwieg und schaute in gespannte Gesichter. Die Mädchen wirkten unsicher, das eine oder andere sogar ängstlich. Auch manche Schulbuben saßen verdächtig still da und warteten lieber ab, wie schlimm es für sie kommen würde.
Wenn sich einer betont unerschrocken gab, warf der Bärtige ihm einen strengen Blick zu, schüttelte auch noch ein paarmal den Kopf, ohne ein Wort zu sagen.
Das genügte oft, um freches Grinsen und zur Schau getragene Sicherheit zu erschüttern. Wenn nicht, dann tat er einen schnellen Schritt auf den Knaben zu und stieß dabei seinen Stock fest auf den Boden. Spätestens dann zuckte der Bursche vor ihm zusammen.
Nachdem der Nikolaus alle Kinder in Augenschein genommen hatte, fragte er mit tiefer Stimme in die Runde, wer ein Gedicht aufsagen oder ihm ein Lied vorsingen wolle. Die braven Kinder waren selbstverständlich vorbereitet. Sie trugen ihr Gedicht vor ohne zu stocken und scheuten sich auch nicht, ein Lied vorzusingen. Der Nikolaus klopfte ihnen anerkennend auf die Schulter, belohnte sie mit Süßigkeiten und ermunterte sie, brav zu bleiben.
Nicht so glatt verlief es bei Lausbuben, die sich weigerten zu singen und kein Gedicht kannten oder es nur holprig herausbrachten. Wenn sie sich außerdem nicht an ihre Missetaten erinnern wollten, dann sprangen Mutter oder Vater ein und halfen dem schwachen Gedächtnis nach.
Und jedes Mal war es das gleiche betrübliche Verhalten, was da berichtet wurde: Sie waren nicht gekommen, wenn sie gerufen wurden, hatten ihre Geschwister geärgert oder die Sonntagshose auf dem Apfelbaum des Nachbarn zerrissen …
Wenn solch ein Übeltäter auf die eindringliche Frage, ob er Besserung geloben wollte nur dasaß und trotzig schwieg, dann griff der Nikolaus nach seiner Rute und schlug prüfend mit ihr in die Luft, dass es pfiff. Nun konnte der hartnäckig Schweigende sich vorstellen, wie sich die nähere Bekanntschaft mit diesem Teil anfühlen würde.
Missetäter, die selbst das nicht zur Besinnung brachte, pflegte der Nikolaus sich näher vorzuknöpfen, und dabei packte er kräftig zu. Er zögerte nicht, einen verstockten Bösewicht in den Sack zu stecken und aus der Stube zu schleppen. Wenn die Mutter hinterhereilte und den Nikolaus inständig bat, noch einmal Gnade vor Recht ergehen zu lassen, dann konnte es geschehen, dass er den Sack wieder abstellte und den frechen Wicht ein letztes Mal fragte, ob er sich nun bessern wolle. Wenn dieser darauf ein kleinlautes „Ja“ von sich gab, durfte er heraus, wurde aber vom Bärtigen noch einmal tüchtig ermahnt. Der kündigte auch gleich seinen Besuch für das nächste Jahr an. Er wollte nämlich dann sehen, ob seine Ermahnungen gefruchtet hatten.
Unter einem Dach mit solchen Knaben wohnten oft jüngere Schwestern, und manche brachen in Tränen aus, sobald der Nikolaus in der Stube hart durchzugreifen begann. Da mochte er den braven Kindern noch so oft versichern, dass ihnen gar nichts geschehen werde. In solchen Fällen kam es vor, dass der Bärtige die Weinenden besänftigen musste, und dabei strich er hier und da unbeholfen über einen Haarschopf oder verschenkte mehr Nüsse und Süßes als er eigentlich wollte, damit die Tränen endlich versiegten.
Aber auch der stärkste Nikolaus fürchtete jemanden, und zwar jene unberechenbaren Kleinen, die noch auf dem Schoß der Mütter saßen. Da galt es unbedingt Abstand zu wahren und sich nicht zu weit hinunter zu beugen, denn manche dieser Kleinen griffen blitzschnell und verwegen in seinen wallenden weißen Bart und zogen daran. Und ein Nikolaus, der seinen Bart vor kleinen Geschwistern zu retten versucht, dieser lustige Anblick hätte die Achtung der anderen Kinder vor ihm bestimmt stark ins Wanken gebracht.
Nach Erinnerungen alter Lausbuben