Sturm auf den Hühnerstall

Frühjahr 1945 in unserem Dorf: Von Westen rücken die Alliierten vor. Ihrer Übermacht hat die deutsche Wehrmacht wenig entgegenzusetzen und führt nur noch hier und da kurze Rückzugsgefechte. In den Dörfern tauchen deutsche Nachschubeinheiten, Artillerie und Panzer auf. Sie bleiben nicht lange, sondern ziehen rasch weiter. Wie auf der Flucht, lassen sie sogar Ausrüstung und Gerät zurück.
Nach Schulschluss untersucht die Dorfjugend all das, was nach dem Abzug zurückgeblieben ist. In einem schmalen Seitenweg steht ein Gefährt, das vorn die Räder eines Lastwagens hat und hinten Ketten wie ein Panzer. Kein Soldat mehr in der Nähe, alle sind schon talaufwärts abgezogen.
Die Schuljungen zögern nicht lange, klettern auf Fahrer- und Beifahrersitze, drehen am Lenkrad, spielen mit allen erreichbaren Hebeln, drücken auf Knöpfe und legen Schalter um. Irgendwie gelingt es ihnen, die Bremse zu lockern und den Anlasser zu erwischen, denn plötzlich macht das Fahrzeug einen Satz nach vorn, kracht in einen Zaun … und kommt knapp vor Eroberung des dahinter liegenden Hühnerstalls zum Stehen.
Für einen Angriff auf den Stall reicht die Kraft seiner Batterie nicht mehr aus.
Das tonnenschwere Gefährt ist wahrscheinlich mit eingelegtem Gang abgestellt worden, und eben das haben die aufgeweckten Jungen nicht bedacht. Nach einem zweiten Versuch, die Zündung zu betätigen, ist ihnen nicht mehr zumute.
So endet der Angriff im Zaun, ohne jede Beute. Die Hühnereier hätten einen Sturm auf den Stall höchstwahrscheinlich nicht unbeschadet überstanden, und das in alle Richtungen davonstiebende Hühnervolk ist selbst für flinke Lausbuben unerreichbar, wenn diese auf einem schwerfälligen Kettenfahrzeug anrücken.

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