Ungewöhnliche Feiertagsbesucher

Der Karfreitag, als in Rinsdorf der Krieg endete

Amerikanische Truppen stoßen in Richtung Hellertal vor, bald werden sie in Wilden auftauchen. Von da sind es kaum zwei Kilometer durch den Wald bis zu unserem Dorf.
Der Berliner Rundfunk verbreitet laute Warnungen vor den Amerikanern. Die Menschen wissen, dass amerikanische und englische Flugzeuge viele Städte in Schutt und Asche gelegt haben, vor vier Monaten auch die nahe Kreisstadt. Aber sie wissen auch, dass sie mehr Angst haben müssen vor den Russen. Die deutschen Behörden fordern die Bevölkerung auf, vor den anrückenden amerikanischen Truppen nach Osten zu fliehen.

Auch für unser Dorf bestehen amtliche Fluchtpläne. Eine Familie mit sechs Kindern besitzt kein Gefährt. Sie muss Nachbarn fragen, ob noch Platz ist auf deren Fuhrwerk, das von zwei Kühen gezogen wird. Der Nachbar bedauert, er nimmt schon eine andere Familie mit. Im übernächsten Haus heißt es ohne Zögern: „Da fahrd bäad oos.“ Diese Hilfe in der Not nimmt die drängendsten Sorgen und macht dankbar. Eine große Ungewissheit bleibt aber: Wohin wird es sie verschlagen? Außerdem muss so vieles bedacht werden: Was mitnehmen? Wie viel Platz für ihre Sachen haben sie überhaupt auf dem offenen Wagen? Wie viel an Nahrungsvorrat muss mit? Welche Kleidung sollen sie anziehen? Der Kleinste ist gerade mal sechs Jahre. Dass auf den Eltern schwere Sorgen lasten, spüren auch die Kinder. Aus ihren Augen schaut Angst und aller Trost ist schwach.

Am Abend bevor es losgehen soll, entscheidet der Vater, dass sie zu Hause bleiben. Er will Frau und Kindern keine Flucht über Landstraßen ins Ungewisse zumuten. Über amerikanische Besatzungssoldaten hört man immerhin, dass sie der einheimischen Bevölkerung gegenüber gesittet auftreten, außerdem sind in unserem Dorf kaum Kämpfe zu befürchten. Zum Glück ist es so unbedeutend, dass die Wehrmacht es wohl nicht verteidigen wird, im Unterschied zu den talabwärts liegenden Ortschaften mit ihren Erzgruben und Fabriken.
Auch in anderen Dörfern haben sich viele Menschen entschieden, zu Hause zu bleiben. In Niederfischbach hat das sogar der gemeindliche Ausrufer amtlicher Bekanntmachungen angekündigt. Er hat die Anweisung in Amtsdeutsch pflichtgemäß Wort für Wort verlesen, wo genau und an welchem Tag sich sämtliche Einwohner mit Wagen und Gepäck zu sammeln haben, und am Schluß seiner Verlautbarung hat er, etwas leiser und auf Föschber Platt angefügt: „Mir bleiwe awwer all deheem!“

Die Familien unseres Dorfes, so ist es festgelegt, sollen am Karfreitagmorgen ihre Heimat verlassen. An diesem 30. März des Jahres 1945 rumpelt jedoch kein einziges Fuhrwerk zum Sammelplatz. Stattdessen kommen die Panzer.

Die Amis kommen!

Die lärmenden Ungetüme rücken am Morgen von der Wildener Höhe her auf unser Dorf vor, denn deutsche Truppen, die sich in Eisern verschanzt haben, verhindern das Vordringen der Amerikaner durch das Tal. Auf der Landstraße nahe der Grenze zu diesem Nachbarort liegen außerdem dicke Straßenbäume quer über der Fahrbahn, gefällt von Männern unseres Dorfes, um den Kolossen auf Ketten den Weg zu versperren. Nun rattern sie ungehindert und ohne einen Schuss abzugeben den Weg herunter auf unser Dorf zu.

Vor den obersten Häusern der Heipel halten sie an. Soldaten springen von den Panzern, dringen in Wohnungen ein, durchsuchen sämtliche Zimmer, stürmen Treppen hinauf bis auf Dachböden und hinunter bis in die Keller.
Sie treffen fast nur auf Frauen, Kinder und Großeltern, denn die meisten Männer sind im Krieg.
Im Obergeschoss eines Hauses entdecken sie einen Achtzehnjährigen, der mit starkem Husten und Fieber im Bett liegt, halten ihm ein Gewehr vor die Brust und brüllen „Hands up!“ und „Hände hoch!“
Während einer den Kranken in Schach hält, durchsuchen die anderen das Zimmer, denn es wäre nicht das erste Mal, dass die Deutschen ihnen einen Hinterhalt gelegt haben. Und im Nachbardorf leisten sie noch heftigen Widerstand, nur zwei Kilometer von hier.
Die Amerikaner mussten schon etliche Verluste hinnehmen, weil fünfzehnjährige Jungen, fast noch Kinder, hinter Hausecken oder Fenstern mit Panzerfäusten gelauert haben. Manche dieser Angreifer waren fanatische Kämpfer, von blindem Hass getrieben. Und dieser Bursche hier ist eindeutig älter aus als fünfzehn, wahrscheinlich sogar schon Soldat. Er selbst verschweigt, dass ihn der Regimentsarzt für ein paar Tage nach Hause geschickt hat, damit er nicht die halbe Kompanie mit seinem Husten ansteckt. Für die amerikanischen Soldaten ist klar ersichtlich, dass dieser böse Husten nicht vorgespielt ist, also geht jetzt keine Gefahr von dem Burschen aus.
Ein Stockwerk tiefer starren auch seine Eltern und Geschwister eingeschüchtert auf die Gewehrmündungen vor sich, während jede Zimmerecke durchsucht wird.
In der Nachbarschaft muss eine Witwe tatenlos zusehen, wie ein dicker Schinken von der letzten (heimlichen) Schlachtung als Beute aus dem Haus getragen wird. Die Beraubte hat bestimmt keine gute Miene dazu gemacht, sondern die Räuber vermutlich gescholten und dabei Schimpfwörter aus dem Schatz der hiesigen Mundart benutzt.
Vergeblich, der Schinken kommt nicht zurück.

An diesem Vormittag erleben einige Familien unseres Dorfes den Krieg in ihren eigenen vier Wänden, sehen Gewehrläufe auf sich gerichtet, werden barsch herumkommandiert und angebrüllt. Bei alledem können sie nur inständig hoffen, dass die Soldaten besonnen bleiben, denn diese jungen Kerle wirken selbst stark angespannt. Vermutlich sind sie nachdrücklich gewarnt worden vor den fanatischen, kampfeswütigen Deutschen, denen man nicht trauen darf. Misstrauen und Furcht herrschen auf beiden Seiten.
Als die Eindringlinge die Haustür von außen hinter sich schließen, atmen die Bewohner ganz tief durch. Ein zweites Mal atmen sie auf, als auch der letzte Panzer aus dem Blickfeld verschwindet und auf die Hauptstraße einbiegt.
Zwei von ihnen drehen nach links ab für den Fall, dass deutsche Angriffe aus Richtung Eisern abzuwehren sind. Zwei weitere Panzer fahren nach rechts, einer davon hält beim Haus des größten Bauern und postiert sich so, dass er Schussfeld zum oberen Dorfeingang hat.

In ein Dutzend Häuser sind die fremden Soldaten bisher gestürmt, und in jedem Winkel haben sie festgestellt, dass dieses Fünfhundert-Seelen-Nest nicht von den Deutschen verteidigt wird. Und sie haben den Eindruck gewonnen, dass die Einwohner dieses Dorfes kriegsmüde sind. Aus dem Fenster eines Hauses hängt sogar ein weißes Bettlaken, auf dem die amerikanischen Truppen willkommen geheißen werden. Einige Nachbarn finden das unpassend, und von dem Schinkenraub wissen sie noch nicht einmal etwas.
Ob der Schriftzug auf dem Betttuch die fremden Soldaten beeindruckt, ist zweifelhaft, schließlich sind sie im Krieg und haben ihre Befehle auszuführen. Bei ihrem weiteren Vordringen im Dorf gehen sie aber weniger kämpferisch zu Werke und durchsuchen nicht mehr jedes Haus, so lauten zumindest die Berichte aus dem Oberdorf.

Die Panzer stehen jetzt erst einmal bloß da zwischen den Häusern. Fünf Minuten, zehn Minuten, fünfzehn Minuten. Dann öffnet sich am Turm eines Panzers der Deckel einen kleinen Spalt.
Etwas später wird er völlig aufgeklappt. Ein Soldat steigt aus, späht um die nächste Hausecke, macht einige Schritte auf der Dorfstraße, den Finger am Abzug seiner Maschinenpistole.
Kein einziger Dorfbewohner lässt sich draußen sehen. Auch hier haben sie Schutz in ihren Kellern gesucht, vielleicht weniger aus Furcht vor den Amerikanern als vor deutscher Artillerie, denn sie kann die im Dorf stehenden Gegner jeden Augenblick mit Granaten beschießen. Von umliegenden Höhen sind Beobachter leicht imstande, Ziele auszumachen und den Beschuss auf sie zu lenken. Das Sicherste wird sein, im Keller abzuwarten.
Die Amerikaner bleiben mit ihren stählernen Kisten in Deckung zwischen den Häusern, sie werden auf jeden Fall mit deutschem Artilleriefeuer rechnen.

Einen militärischen Vorgesetzten kostet es nur Sekunden, den Befehl zur Einnahme einer kleinen, wehrlosen Ansiedlung zu erteilen – aber wie soll man das in die Tat umsetzen, wenn die Bewohner sich nicht blicken lassen?
Die fremden Soldaten feuern auf der Dorfstraße eine Gewehrsalve in die Luft, als wollten sie deutlich machen: „Wir sind da und würden Euch gern erobern! Wo seid Ihr bloß?“
Der Ortsvorsteher ist vor Tagen mitsamt Familie ins Wittgensteiner Land zur Verwandtschaft gereist, weil er die Amerikaner lieber nicht begrüßen wollte. Und niemand fühlt sich verpflichtet, ihn jetzt zu vertreten.
Das Straßenschild am „Adolf-Hitler-Weg“ ist vor dem Anrollen der Panzer über Nacht verschwunden. Denjenigen Mitgliedern des Gemeinderats, die allenfalls dieses steile, holprige, nach siebzig Metern endende Wegstück, an dem nur vier Häuser liegen, nach dem Führer des deutschen Reiches benennen wollten, hat es wahrscheinlich damals schon an Begeisterung über die lautstark versprochene tausendjährige Herrlichkeit gemangelt.
Jetzt, am Ende dieser tausend Jahre hocken ganze Familien im Keller und versuchen sich durch kleine, staubige Luken ein Bild zu machen von dem, was draußen geschieht.
Hinter der geöffneten Speichertür eines Hauses bringt ein US-Soldat ein Maschinengewehr in Stellung. In einem fünfzig Meter entfernen Keller murmelt bei diesem Anblick ein an der Ostfront verwundeter deutscher Soldat in seinen Stoppelbart: „Wenn ech itz en Flende hädde…“ Andere dagegen sind zuversichtlich, dass mit den Amerikanern auszukommen ist, und einige hoffen es. Bald gibt es Klarheit darüber.

Als eine Familie im Oberdorf sich nämlich wieder die Kellertreppe hoch ins Erdgeschoss wagt, sitzt da Besuch am Küchentisch, der sich selbst eingeladen hat: Amerikanische Soldaten. Sie haben die Haustür, wie auf dem Dorf am Tage üblich, unverschlossen vorgefunden und daraus den Schluss gezogen, sie seien willkommen. Dass die Gastgeber auf sich warten ließen, hat die Gäste nicht weiter gestört, sondern diese haben sich in der Zwischenzeit selbst bedient. Der Küchenschrank steht offen, das „Krittsche“ auf dem Tisch.
Eine Verständigung über die Sprache ist kaum möglich, denn die Gäste beherrschen kein Deutsch und die Hausherren kein Englisch. Der Familienvater hat bei Verwandten im Schwabenland etwas Französisch gelernt und versucht eine Verständigung in dieser Sprache, auch ohne rechten Erfolg.
In einem Punkt aber gibt es kein Missverständnis, weil es allzu offensichtlich ist: Den Gästen mundet, was sie sich aufgetischt haben. Es schmeckt ihnen so gut, dass sie keine Eile mit der Eroberung weiterer Häuser haben. Sie scheinen fest entschlossen, damit bis nach ihrem Frühstück zu warten.

Nach Erzählungen von Magdalene Rink, Ferdinand Adam und Erhard Moos

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